In London findet ihr neben den großen öffentlichen Museen auch verschiedene kleinere Ausstellungen privater Sammlungen. Eine davon, nämlich die des schottischen Chirurgen John Hunter, findet ihr im Royal College of Surgeons. Und so spannend die Ausstellung von Hunters Exponaten auch ist – sie trifft sicherlich nicht jeden Geschmack.









Das Museum
Wer war überhaupt John Hunter?
John Hunter lebte im England des 18. Jahrhunderts, genauer von 1728 bis 1793. Er war als Fellow des Royal College of Surgeons natürlich Chirurg von Beruf und beschäftigte sich entsprechend ausgiebig mit der menschlichen Anatomie. Damit kam er schon in seinen frühen Zwanzigern in Berührung, denn sein Bruder William führte bereits eine Anatomieschule. So lernte der junge John bereits früh das Präparieren von Tieren oder Organen. Er wurde langsam aber sicher zum Experten für den Aufbau des menschlichen Körpers. Nachdem sein Bruder aber mit dem Tod schwangerer Frauen, deren Leichen er anatomisch aufbereitet hatte, in Verbindung gebracht wurde, orientierte Hunter sich anders und arbeitete in den Folgejahren als Chirurg für die Armee und auch für den Zahnarzt Spence, für den er Zahntransplantationen durchführte. Er erlangte über die Jahre einen hohen Bekanntheitsgrad. Und auch in seiner spätere Karriere war er bekannt für seinen Blick für Details und seinen Forscherdrang, der sich unter anderem in Selbstexperimenten bei der Bekämpfung von Gonorrhö oder Syphilis äußerte. Später arbeitete er am St George´s Hospital, war Chirurg von King George III und war als Surgeon General sozusagen der oberste medizinische Offizier der Britischen Armee.
Auch über seine Jahre als erfolgreicher Chirurg (es wurde 1819 sogar eine Vereinigung für Ärzte und Zahnärzte nach ihm benannt – die Hunterian Society) war er seinem jugendlichen Interesse an der Anatomie aber immer treu. Er legte über die Dauer seines Lebens eine Sammlung von etwa 14.000 Exponaten an; sowohl tierischen, als auch menschlichen Ursprungs.
Hunter verstarb im Jahr 1793 an einem Herzinfarkt und wurde erst in St. Martin in the Fields begraben, aber 1859 wurde ihm posthum die Ehre zu Teil, nachträglich in Westminster Abbey beigesetzt zu werden.
Das Museum – was kann ich erwarten?
Die gesammelten Exponate Hunters wurden im Jahr 1799 vom englischen Staat an die Royal Society of Surgeons übergeben. Und aus dieser Sammlung entwickelte sich das Hunterian Museum, das bereits im selben Jahr seine Pforten für die Öffentlichkeit öffnete. Nach einer Genralüberholung findet ihr das heutige Museum seit dem Jahr 2023 in der aktuellen Form auch immer noch im Gebäude der Ärztevereinigung.
Zwar finden sich keine 14.000 Exponate mehr, aber die Sammlung umfasst immer noch 3.500 Ausstellungsstücke, die gleichzeitig auch die Geschichte der Chirurgie erzählen. Man sieht also nicht nur tierische und menschliche Präparate, sondern es werden auch chirurgische und diagnostische Bestecke und Methoden der letzten 250 Jahre dargestellt. Selbst ein Corona-Selbsttest hat es in das Museum geschafft.
Neben der Ausstellung könnt ihr auch regelmäßig an kostenfreien Führungen teilnehmen. Jeden Mittwoch um 14.15 Uhr findet z.B. die Führung des Kurators durch die Ausstellung statt. In einer halben Stunde bekommt ihr hier einen tollen Überblick. Aber es gibt auch an anderen Tagen Führungen, oft von Ärzten und Mitgliedern der Society of Surgeons im Ruhestand geleitet, entweder zu der Ausstellung, oder auch zu dem Gebäude der Society (und somit der Society selber).
Wollt ihr das Museum lieber auf eigene Faust erkunden, gibt es einen digitalen Guide für das Handy, der euch Hintergründe zu den Exponaten erklärt.
Seid ihr mit der Tour durch die Ausstellung fertig, gibt es natürlich noch einen (sehr) kleinen Giftshop und auch das obligatorische Café ist dabei. Dieses war recht entspannt, ist doch das Hunterian Museum nicht der absolute Besuchermagnet, sodass man hier recht ungestört ist. Und: Es gibt hier einen ziemlich guten Karottenkuchen.
Mehr Infos zum Museum, findet ihr z.B. hier.












Anreise, Kosten, Öffnungszeiten
Ihr findet das Museum zwischen Covent Garden und der Chancery Lane am Lincoln´s Inn Field. Interessanter Weise befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite eine weitere private Sammlung, das Sir John Soanes Museum.
Die Anreise kann entweder mit der Tube erfolgen. Hier sind die Haltestellen Chancery Lane oder Holborn interessant. Beider werden von der Central Line bedient, Holborn auch zusätzlich von der Piccadilly Line. Die Haltestelle Holborn erreicht ihr z.B. mit den Buslinien 1, 59, 68 oder 91.
Auch das Hunterian ist für Besucherinnen und Besucher kostenlos zugänglich. Ihr könnt spontan vorbei kommen, aber ein kostenloses Ticket zu buchen wird erbeten. So werden ggf. Wartezeiten verringert.
Die Öffnungszeiten sind einfach: Dienstag bis Samstag, 10-17 Uhr. Am Sonntag und Montag bleibt das Museum geschlossen.
Lohnt sich das Museum – mein Fazit
Nun ja. Das Museum ist sicherlich nicht für jeden etwas. Menschen mit schwachen Nerven oder mit einer Abneigung gegen solche Präparate sollten das Museum meiden. Auch kann man natürlich ethische Bedenken gegen diese Art von Ausstellung haben. Denn man sieht durchaus alles – vom Elefantenfuß bis hin zum Fötus. Vom Daumen bis zum in Alkohol aufbewahrten Penis.
Auf der anderen Seite fand ich es sehr spannend, solche Exponate zu sehen. Dafür gibt es nicht viele Ausstellungen. Zumal nicht solche, die kostenlos zugänglich sind. Habt ihr also ein Grundinteresse an der medizinischen Thematik und nichts gegen die Ausstellungsstücke, ist das ein wirklich spannendes Museum, das für etwa eine Stunde gutes Material liefert. Wir haben damals auch eine Führung durch das Gebäude mitgemacht. D<s hat sich sehr gelohnt, da unser Führer (wie alle anderen auch) Mitglied der Society ist und entsprechende Geschichten zu erzählen wusste.
Es gibt einen gut recherchierten und durchaus kritischen Beitrag zum Hunterian Museum auch im National Geographic. Schaut dort ruhig rein, falls ihr euch noch nicht sicher seid, wie ihr das Museum finden sollt.
Nebenbei: aus ethischen Gründen habe ich auch auf Großaufnahmen von menschlichen Organen oder Körperteilen verzichtet.
4 Kommentare zu „John Hunter und seine faszinierende Sammlung – das Hunterian Museum“